Die Geschichte der Schwarzen Kirche


Wer Kronstadt besucht hat, weiß, dass die Schwarze Kirche das Wahrzeichen der Stadt ist. Und er weiß es nicht, weil es ihm jemand gesagt hätte, sondern weil du es dann, wenn du die Schwarze Kirche siehst, mit dem Herzen verstehst. Ihr Anblick ist unvergesslich. Er prägt sich in deine Netzhaut ein und steigt für immer in deine Seele hinab.Wer noch nie in Kronstadt gewesen ist, wird, sobald er ankommt, all diese Erfahrungen durchleben. Der mächtige Kirchenbau ist eine Quelle der ständigen Inspiration und Begeisterung. Der geistige Reichtum, der ihn umgibt, vermittelt dem Hereintretenden den Eindruck von Wärme und Nähe. Vielleicht ist dies der Grund, warum sich die Menschen in seinem Umfeld nicht gering fühlen, sondern von ihm beschützt, von ihm umfangen und inspiriert von seiner Pracht.

600 Jahre des Daseins im Glauben, in Schönheit und Inspiration

Seit sechshundert Jahren läuten die Glocken der Schwarzen Kirche an jedem Sonntag. Sechshundert Jahre, erfüllt von Geschichte, Glauben, Schönheit. Im Inneren steigt die herrliche Musik der Orgel gemeinsam mit den warmen Stimmen der Menschen bis jenseits der Gewölbe empor und erweckt die alten Mauern zum Leben. Die Schwarze Kirche ist das geistige Zentrum der sächsischen Gemeinschaft in Kronstadt. Gleichzeitig ist sie die wichtigste Bühne der Reformation in Siebenbürgen und die Wiege der humanistischen Kultur in der Region.

Seit einem halben Jahrhundert fühlt sich unsere Gemeinschaft evangelischen Werten verpflichtet: Freiheit und Weltbürgertum, Verantwortungsgefühl und Bildung. Aus diesem Grund heißen wir Zugehörige anderer Glaubensrichtungen und Glaubenslose mit derselben Liebe bei uns willkommen wie die Angehörigen unserer eigenen Gemeinde. Das Prinzip der Glaubens- und Handlungsfreiheit leben wir in Verbundenheit mit einem vertieften Verantwortungsbewusstsein gegenüber unseren Nächsten und der Schöpfung Gottes. Wir sind überzeugt, dass Bildung und Wissenschaft die Gemeinschaft stärken, die Erkenntnis der Schöpfung fördern und einem Leben in Erfüllung dienen.

Vielleicht aber fragen Sie sich, wie es dazu kommt, dass in diesem von dichten Wäldern gesäumten Tal eine so mächtige Kirche erbaut wurde. Die Geschichtsschreibung verzeichnet, dass sich noch vor der Ankunft der Ritter des Deutschen Ordens an dem Ort, wo heute die Schwarze Kirche steht, ein römisch-katholisches Nonnenkloster, in dem Prämonstratenserinnen lebten, befand. Die deutsche Ortschaft, die um dieses Kloster herum entstand, wurde Corona genannt. Dank des Geschickes der Siedler und der Schlüsselprivilegien, die die Könige ihnen verliehen, verwandelte sich die Ortschaft rasch in eine blühende Stadt. Es ist nur natürlich, dass sich die Städter dann einen Kirchenbau wünschten, der die Schönheit der Stadt und die Frömmigkeit der Bürger widerspiegelte. So kam es, dass sie zu Beginn des 14. Jahrhunderts mit der Errichtung der neuen Kirche begannen.

Von den fünf Portalen der Schwarzen Kirche besitzt das westliche das reichste Dekor. Es wurde wahrscheinlich um 1450 gemeinsam mit dem Langhaus und den Türmen von Steinmetzen geschaffen, die von Kaschau (heute Košice, Slowakei) über Klausenburg und Schäßburg nach Kronstadt gelangt waren.

In der Baukunst jener Zeit war es der gotische Stil, der das allgemeine Schönheitsideal erwiderte. Die regen Handels- und Handwerksbeziehungen, die Kronstadt mit der Reichsstadt Nürnberg verbanden, bildeten die Voraussetzung dafür, dass der glänzende Hallenumgangschor der Nürnberger Sebalduskirche dem der neuen Kronstädter Pfarrkirche als Vorbild diente. Beinahe einhundert Jahre lang dauerte ihre Errichtung.

Das bronzene Taufbecken stammt aus dem Jahre 1472. Es wird bis heute benutzt. Seine Form mit Schale und Fuß spielt auf die eines gotischen Messkelchs an. Die Wandung ist mit Inschriften und allegorischen Medaillons geschmückt.

In jener Zeit war die Gemeinschaft römisch-katholischen Glaubens. Zahlreiche Reisende und Händler, die nach Kronstadt kamen, trugen die Kunde von der Errichtung der Kirche in alle Himmelsrichtungen, und die Päpste, die die Verbreitung des Glaubens wünschten, sandten bedeutende Unterstützungen zu ihrer Erbauung.

Dieses Wandbild wurde zwischen 1476 und 1490 in das Tympanon über dem südöstlichen Portal gesetzt. In der Mitte thront die Heilige Jungfrau, das Jesuskind in den Armen haltend. Sie wird von den beiden Heiligen Katharina von Alexandrien und Barbara gerahmt. In den beiden Zwickeln des Dreipasses sitzen die Wappenschilder des Königs Matthias und seiner Ehefrau Beatrix von Aragón.

Gegen Ende des Mittelalters sehnten immer mehr Menschen eine Reform der römisch-katholischen Kirche herbei. Auch die deutsche Bevölkerung Kronstadts schloss sich dieser Bewegung an und entschied sich dafür, die von Martin Luther begonnene Reformation umzusetzen. Die Stadt unter der Zinne zeichnete sich von je her durch eine besondere geistige Offenheit aus, und die spätere Schwarze Kirche wurde zu einem der wichtigsten Zentren der Reformation in Siebenbürgen.

Der Stadtrichter von Kronstadt, Johannes Fuchs, liest, im Beisein der Mitglieder des Stadtrates und von Johannes Honterus, aus dem „Reformationsbüchlein“. Es war von Johannes Honterus im Zuge des Übergangs zum lutherischen Glaubensbekenntnis zusammengestellt worden. Fritz Schullerus schuf das Gemälde im Jahre 1898.

Im Oktober 1542 fand an der Schwarzen Kirche der erste Gottesdienst des Landes nach evangelischem Ritus statt. Im Auftrag des Stadtrates erstellte Johannes Honterus, ein herausragender Kronstädter Humanist, das sogenannte „Reformationsbüchlein“, das den Grundstein für den Übergang aller Siebenbürger Sachsen zum neuen Glaubensbekenntnis legen sollte.

Johannes Honterus (1489-1549), Humanist, Reformator, Schul- und Druckereigründer, war eine der Leitfiguren der Reformation in Kronstadt. Das ihm gewidmete Denkmal wurde 1898, anlässlich des 500jährigen Jubiläums seines Geburtstages, auf Bestellung der Gemeinde von dem Berliner Bildhauer Harro Magnussen geschaffen.

Auf diese Weise wandelte sich die katholische Marienkirche zu einer evangelischen Stadtpfarrkirche. Allmählich wurde es zur Tradition, dass die gesamte Gemeinde den Gottesdiensten feierlich und geschlossen von Anfang bis Ende beiwohnte. Deshalb wurde das Innere der Kirche mit zahlreichen Bänken und Gestühlen ausgestattet, auf denen die Gottesdienstbesucher teilnehmen konnten.

Im April 1689 zerstörte ein verheerender Brand bedeutende Teile der Stadt und der Stadtpfarrkirche. Der große Dachstuhl fing Feuer, stürzte ein und begrub das Innere der Kirche unter Schutt und Asche. Es wird erzählt, dass die Flammen und der Rauch die Mauern derart geschwärzt hätten, dass die Pfarrkirche in der Folge den Beinamen „Schwarze Kirche“ erhalten habe. Die Arbeiten zur Wiederherstellung begannen umgehend und dauerten beinahe hundert Jahre lang. Der erste Schritt bestand in der Errichtung des neuen Dachstuhls, der allein die Höhe eines vierstöckigen Hauses einnimmt.

Anschließend erhielt die Kirche einen neuen Altar und eine neue Orgel. Die neuen Gestühle und Bänke wurden, da der Prediger von der Kanzel aus das Wort Gottes verkündigt, auf dieselbe ausgerichtet, ähnlich den auf die Bühne ausgerichteten Logen eines Theaters.

Die Kanzel wurde 1695 errichtet, sechs Jahre nach dem großen Stadtbrand, und von dem Fleischermeister Lorenz Bömches gestiftet. Von hier aus erläutert der Geistliche den Gläubigen im Gottesdienst die Heilige Schrift. Die zahlreichen bildlichen Darstellungen auf der Kanzel formulieren gemeinsam eine an die Betrachter gerichtete Botschaft.

Die Kronstädter Zünfte stellten Waren für den Handelsverkehr her. Auf ihrer Tätigkeit beruhte der Wohlstand der Stadt zu großen Teilen. In solchen Gestühlen nahmen während der Gottesdienste die Zunftmeister Platz.

Und da die Gemeinde erheblich wuchs, so benötigte sie zunehmend Platz. Deshalb wurden im Langhaus die beiden steinernen Emporen errichtet. Auf ihnen nahmen vor allem die Zunftgesellen Platz.

Die Bänke des Langhauses stammen aus den 1930er Jahren und verfügen über schwenkbare Rückenlehnen.

An diesem Wiederaufbau, der sich fast über ein Jahrhundert hinzog, beteiligte sich die gesamte Gemeinde, jedes Mitglied auf seine Weise. Alle Ausstattungsgegenstände und liturgischen Objekte waren Stiftungen und Geschenke der Gemeindemitglieder. Jedes Gemeindemitglied trug zum Wiederaufbau nach Maßgabe seiner Möglichkeiten bei. Der abschließende Schritt des Wiederaufbaus bestand in der Einladung eines Baumeisters aus den habsburgischen Erblanden, der dazu in der Lage war, das monumentale Gewölbe über dem Kirchenschiff zu errichten.

Um der Kirche Schmuck zu verleihen, stifteten die wohlhabenden Mitglieder der Gemeinde und die Zunftmeister osmanische, leuchtend farbige Textilien, vor allem Teppiche.  In Anatolien hergestellt, gelangten diese durch den Handel nach Kronstadt, wo sie von den Bürgern erworben wurden, um damit den Altar, die Kanzel oder die Gestühle zu schmücken.

Osmanische Teppiche sind spätestens seit dem 17. Jahrhundert als fromme Stiftungen von Privatpersonen und Zünften in die Kirche gelangt. Der Bestand umfasst heute etwa zweihundert Exemplare.

Nach Abschluss der großen Bauarbeiten des 18. Jahrhunderts kümmerte sich die Gemeinde um die Förderung des geistlichen Lebens. Die Musik war schon immer ein wesentlicher Bestandteil des Betens zu Gott. Als die Orgel nach dem großen Brand schadhaft wurde und sie sich als zu klein herausstellte, um der großen Kirche vollständig Genüge zu leisten, errichtete der Berliner Orgelbauer Carl August Buchholz im Jahre 1839 ein neues Instrument, das bis heute ohne Beispiel ist, da es sich um die größte mechanische Orgel in Rumänien handelt.

Es dauerte vier Jahre (1836-1839), bis der Berliner Orgelbaumeister Carl August Buchholz eine neue Orgel für die Schwarze Kirche schuf und sie dort montierte. Mit ihren 3993 Pfeifen, 4 Manualen mit je 56 Tasten und einem Pedal mit 27 Tasten sowie 63 klingenden Registern ist sie die größte mechanische Orgel in Rumänien.

Einige Jahre später stattete die Gemeinde ihre Kirche mit einem neuen, 17 Meter hohen Altar und zwei neuen Glocken aus, die der Stadt bis heute ihren Herzschlag liefern.

Der Altar hat eine Höhe von 17 Metern und wurde im Jahre 1866 im Geiste der deutschen Romantik errichtet. Das zentrale Gemälde zeigt Christus bei der Predigt. Sechs Statuen stellen die vier Evangelisten und die Apostel Petrus und Paulus dar.

Das hohe Alter des Kirchenbaus wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts deutlich spürbar. Umfangreiche Restaurierungskampagnen waren notwendig und wurden vorbereitet. Den großen Erschwernissen zum Trotz, denen Kronstadt und unsere Gemeinde im 20. Jahrhundert ausgesetzt waren, gelang es, die Restaurierung des Baudenkmals erfolgreich zu einem einstweiligen Ende zu bringen. Darüber hinaus wurden elektrischer Strom und eine Heizung eingeführt, die ursprünglich mit Holz und Kohle, später mit Gas betrieben wurde. Im Zuge der jüngsten, umfassenden Restaurierungsmaßnahme zwischen 1981 und 1999 wurde auch das Kircheninnere saniert, so dass es die Menschen heute mit strahlendem Licht und einer warmen Atmosphäre empfängt.

Gegenwärtig versammelt die Schwarze Kirche zahlreiche einzigartige Kunstwerke von internationalem Rang, die aus sechs Jahrhunderten und von zwei Kontinenten stammen. Jedes von ihnen birgt zur gleichen Zeit Botschaften und Rätsel, die darauf warten, von den Besuchern entdeckt und entschlüsselt zu werden.